Auch die Meister machen Fehler

Schon vor der letzten Runde hatte der bekannte russische Großmeister Motokov den Turniersieg in der Tasche. Mit eineinhalb Punkten Vorsprung war er nicht mehr einzuholen und sollte nun seine letzte Partie gegen einen jungen Internationalen Meister, den Franzosen Serre, austragen. Nach der Auslosung trat er an diesen heran und schlug einen Handel vor: "Wenn du verlierst, fliegst du aus den Preisrängen! Wenn ich dich aber gewinnen lasse, wirst du Zweiter und bekommst 500 Euro. Davon kriege ich dann 250 ab. Einverstanden?" Der junge Franzose schüttelte den Kopf und sagte: "Ich will spielen und die Partie gewinnen!" Motokov machte eine einladende Geste mit seiner Hand und erklärte: "Aber das wirst du doch! Wir werden spielen und du wirst gewinnen!" Serre lehnte abermals ab: "Ich will spielen!"

Am nächsten Tag machte der russische Großmeister seinem Titel alle Ehre. Er schob seinen jungen Gegner fürchterlich zusammen. Kurz bevor Serre vermutlich aufgegeben hätte, flüsterte er leise übers Brett hinüber: "Mein Angebot steht noch. Ich lasse dich gewinnen. Dann kriegst du 500 Euro Preisgeld und gibst mir 300 ab." Der Franzose, enttäuscht von seiner schachlichen Leistung, entgegnete leise: "Gestern waren es noch 250, Herr Motokov." Der Russe beeilte sich festzustellen, daß dies vor der Partie war und Serre sich doch mal die Stellung auf dem Brett genauer betrachten solle. "Gestern", begann Motokov auszuführen, "schätzte ich meine Gewinnchance nur auf 70%. Da war Fifty-Fifty ein entgegenkommendes Angebot." Serre überlegte kurz und sagte dann forsch: "450 für mich und 50 für Sie, Herr Motokov! Ansonsten gebe ich auf! Dann kriegt keiner was von dem Geld..." Daraufhin erhob er sich und schlenderte in Richtung Kaffeestand.

Motokovs Gedanken kreisten um die Worte des jungen Gegners. Wie konnte dieser nur auf einen solchen Geldbetrag verzichten? Vielleicht sollte er doch das alte Angebot noch einmal unterbreiten? Nicht auszudenken, was los wäre, wenn der Franzose jetzt einfach aufgeben würde! Motokov verließ das Brett um nachzudenken. War das denn gerecht? Obwohl er eineinhalb Punkte mehr hatte als jeder andere und noch dazu eine klare Gewinnstellung, schien er dennoch in der schlechteren Verhandlungspositon zu sein. Weil sein Gegner offenbar gegen Geldgeschenke immun war. Oder war er es vielleicht doch nicht?

Um sich die Füße zu vertreten, ging Motokov einwenig im Saal umher. Da kam ihm eine außerordentliche Idee. Flugs hatte er ein kleines Treffen mit van Heest arrangiert. Der Nationale Meister aus Holland hatte seine Partie bereits gewonnen und wäre damit größter Nutznießer von einem Sieg Motokovs. Statt 300 Euro auf dem dritten Platz bekäme er als Zweiter 500. Gleich rechnete der Russe seinem Meisterkollegen vor: "Wenn ich gewinne, kriegst du 200 Euro mehr. Davon gibst du mir 100 ab. Da hast du 100 Euro Gewinn gemacht." Van Heest lachte: "Aber du gewinnst doch ohnehin - bei deiner Stellung!" - "Nein, nein! Man kann immer noch in Zeitnot einen fürchterlichen Patzer machen! Du weißt schon, was ich meine?" Der Holländer lachte immer noch: "Ich mache dir einen anderen Vorschlag: Ich melde deine versuchte Partieabsprache nicht dem Schiedsrichter und ich verlange dafür keinen Cent. Du weißt auch, was ich meine?" Das wußte der Großmeister nur zu gut und schlich leise zu seiner Partie zurück.

Sein französischer Gegner rechnete gerade an seinem nächsten Zug, da unterbrach ihn Motokov: "Van Heest bekäme 200 Euro mehr, wenn ich gegen dich gewinne. Davon gibt er mir 100 ab. Das hat er mir grade eben versprochen! Du mußt mir schon mehr als 50 bieten, sonst nehme ich Van Heests Angebot an." Zufrieden mit seiner Idee lehnte er sich bequem zurück und fügte Hinzu: "Also doch Halbe-Halbe? Das sind stolze 250 für jeden!" Serre blickte auf und erwiderte: "Sie werden meine Entscheidung am Brett erfahren." Dann machte er einen hundsmiserablen Zug und tat dann erschrocken: "Oh je! Da habe ich wohl gerade einen Turm eingestellt!" Motokov nahm diesen nur widerwillig, um einen Zug später seine Dame einzustellen. Welche sein Gegner aber gar nicht einkassierte und stattdessen, zum Erstaunen aller Zuschauer, die Partie aufgab.

Sogleich hatte ein Kiebitz angemerkt, daß Serre doch die Dame hätte gewinnen können. Da schlug sich der Franzose an den Kopf und stöhnte erschrocken, daß es kein Schauspieler besser gekonnt hätte: "Oh, nein! Ich konnte die Dame nehmen!" Da redeten alle durcheinander und der Schiedsrichter notierte eifrig das Resultat. Aber schon bald war im Turniersaal die einstige Ruhe wieder eingekehrt und nur am Kaffestand tuschelte noch ein älterer Mann mit einem anderen: "Hast du es gesehen? Auch die Meister machen Fehler!"



Das Grinsen

Wie lange hatte ich auf diese Gelegenheit gewartet? Heute sollte es soweit sein. Nach drei bitterbösen Niederlagen in Folge würde ich also gegen den arroganten Haubisch gewinnen. Voller Selbstzufriedenheit nehme ich den Turm und haue ihn auf g7 rein. Rumms! Wenn der König von h8 ihn nimmt, dann kann er was erleben! Und wenn er ihn nicht nimmt, dann auch! Und dieser Haubisch, dieser ewige Besserwisser! Der korrigiert sogar den Tarrasch! Nicht mit Bleistift, sondern mit Kugelschreiber! Das ist ja wohl die Höhe! Aber jetzt schwitzt er, dieser Haubisch! Jetzt grinst er nicht mehr so dämlich wie sonst immer. Wie immer nach einer gewonnenen Partie!

"Txg7" notiere ich auf mein Partieformular. Das "x" male ich mehrmals nach. Soll doch dieser Haubisch nicht vergessen, daß da eben noch ein Bauer stand. Und der ist jetzt weg, jawohl! Und wenn der König den Turm nimmt, gibt die Dame Schach, und der Rest ist Kindergarten! Jetzt guckt er, dieser Haubisch! Der Bauer zwischen meinen Fingern fühlt sich gut an. Wenn man ihn hin- und herbewegt, das ist schon ein erhabenes Gefühl, muß ich sagen. Du brauchst gar nicht so die Stirn zu runzeln, Haubisch, der Bauer ist weg! Und die Königssicherheit auch. Tja, und weißt du, was auch weg ist? Dein dämliches Grinsen!

Was kann er schon machen, der Trottel? Nehmen kann er schwerlich, aber nicht nehmen auch kaum. Ha, ha, das wird nicht leicht für ihn! Hat er nicht gesehen, mein Opfer, was? Er könnte Schach geben, aber dann gehe ich einfach zur Seite und sein Problem ist immer noch da. Bringt ihm gar nichts ein. Das Schach wird er aber trotzdem probieren, sonst ist er ja eh geliefert. Klar, er wird das Schach geben. Racheschach. Und dann gibt er auf. Oder er quält sich noch 'ne Weile. Beides hat was! Ist mir eigentlich egal. Hauptsache er grinst nicht mehr so dämlich wie sonst immer. Vielleicht sogar nie mehr.

Jetzt greift er nach seinem Turm. Hab ich doch gesagt, daß er das Schach noch gibt. Und wo gehe ich dann hin mit meinem König? Nach rechts kann ich nicht, da werde ich ja Matt. Grundlinienmatt. So blöd bin ich nicht, Haubisch! Gib Schach oder gib auf! Mir egal! Aber moment, äh, ähem? Schräg vor nach links kann ich ja auch nicht. Dann verstelle ich doch meine Dame. Die brauch ich aber noch, sonst ist mein Turm weg. So'n Mist! Ich hab kein Feld für den König! Oh je, er greift nach seinem Turm.

Jetzt hat er das Schach gegeben. Ich bin geliefert. Das Zwischenschach habe ich gar nicht gerechnet. Ich schaue ihn an. Ich schaue ihm direkt ins Gesicht. Er grinst, der Haubisch. Von einem Ohr zum andern. Wenn ich ihm jetzt grad die Figuren in seine Visage schmeiße, dann grinst er nicht mehr, der Depp! Ich kann grad aufgeben. Der Turm ist weg. Er hat seinen Stift aus der Hand gelegt. Meint wohl, ich mache keinen Zug mehr? König nach links. Vor die Dame. Jawohl! Den Turm traut er sich vielleicht gar nicht zu nehmen?!

Ich grinse. Und zwar richtig breit. Ist nur ein Trick, aber ich grinse. Er wird unsicher. Sollte er etwa etwas übersehen haben? Hat er natürlich nicht. Er überlegt. Die Runzeln auf seiner Stirn kommen wieder. Sie verdrängen sein Grinsen. Er scheint einen Entschluß gefaßt zuhaben. Nimmt er meinen Turm oder nicht? Sch...! - Jetzt hat er den Turm geschlagen. Er schaut mich fragend an. Nun muß ich die Karten auf den Tisch legen. Gleich wird er merken, daß ich überhaupt keine Fortsetzung habe. Mein Grinsen wird schwächer. Ich kanns nicht ändern. Es verschwindet. Voll und ganz. Aber macht ja nichts! Ist ja dafür wieder auf seinem Gesicht. Auf seinem fetten Hundegesicht. Dieses typische breite Grinsen! Ich geh jetzt heim.



Kling Glöckchen, klingelingeling

Eine Turnierpartie wie jede andere. Sieben Züge Damengambit. Die Hauptvariante war wieder einmal auf dem Brett. Adam Jensen lief ziellos herum. Auf dem nächsten Brett waren neun Züge Spanisch Hauptvariante und danach war eine farblose Remisstellung aus der Caro-Kann-Verteidigung zu sehen. Nichts besonderes los, dachte er und wollte gerade weitergehen, da klingelte ein Handy. Düllüllüllüllüüüt! Ein Scherzbold aus einer anderen Ecke rief frech: "Eins zu Null!", was allgemeine Heiterkeit hervorrief. Der Schiedsrichter schaute streng in die Runde, konnte aber den Handybesitzer nicht ausmachen. Aber das braucht er auch gar nicht, das wird der Gegner schon tun. Was ein armes Schwein, bekommt jetzt gleich die Partie verloren gewertet. Jensen kam ein Gedanke: Vielleicht war es ja sein Gegner? Aber das Klingeln kam aus einer anderen Richtung, aus der Ecke bei der Garderobe. Schade.

Jensen lief langsam aber stetig in diese Richtung. Schließlich hatte er ein langweiliges Damengambit auf dem Brett und der Gegner überlegte schon mehr als fünf Minuten über seinen nächsten Zug. Aber dort hinten, wo der Piepton herrührte, da ist gleich was los! Da wird einer reklamieren. Ein anderer wird sagen, das war doch gar kein Klingeln, das war doch nur eine SMS. Der Schiedsrichter wird erklären, daß dies auch zum sofortigen Partieverlust führt. Einer wird sich über die Regel beschweren, die doch viel zu hart straft. Ein anderer wird altklug sagen: "Muß man eben ausschalten, das Handy!" Das war, was Jensen erwartet und erhofft hatte. Aber nichts dergleichen passierte. Nach einer Weile legte sich die leichte Aufruhr wieder und alles ging seinen gewöhnlichen Gang: Die Uhren liefen weiter, die Köpfe liefen heiß und Jensen lief herum. Sein Gegner hatte noch immer nicht gezogen.

Da kam es wieder. Dieses Klingeln aus der Garderobenecke: "Düllüllüllüllüüüt!" Ein Raunen ging durch die Halle. "Ich will einen Besen fressen, wenn der Gegner jetzt nicht reklamiert", dachte Jensen und war rasch an den Ort des Geschehens spaziert. Denn wann kriegt man schon ein Theaterstück zu sehen und muß keinen Eintritt dafür bezahlen? Und ein Mordstheater, das gibt es gleich. Jensen war sich da sehr sicher. In einer gespannten Beobachtungshaltung verharrte er. Sogar einen mitteldringenden Stuhlgang unterdrückte er, um nichts zu verpassen. So, wer war denn nun der unglückliche Hauptdarsteller? Irgendwer sagte: "Das kam von den Mänteln!" Der Schiedsrichter eilte zur Garderobe. Aber da das Klingeln bereits verstummt war, konnte er das Geräusch nicht orten. So plazierte er sich direkt daneben und wartete. Nun war auch klar, warum niemand reklamiert hatte. Es wußte keiner, in welcher Jacke sich das Handy befand und zu wem beides gehörte.

Jensen wartete auch. Die Chance ließ er sich nicht entgehen. Wer in zwei Minuten zweimal anruft, probiert es in der dritten Minute sicher noch ein weiteres Mal. Alle guten Dinge sind drei! Mit einem Auge schielte er zu seinem Brett hinüber, ob er vielleicht schon am Zuge sei. Das war er auch tatsächlich, aber jetzt konnte er hier doch nicht weg. Er war nicht der einzige, der an den Jacken und Mänteln stand, und von den anderen war sicher auch der ein oder andere am Zug. Und da war es wieder: "Düllüllüllüllüüüt!" Es hatte sich gelohnt. Der ersehnte Laut kam auch noch ausgerechnet aus eben dieser Jacke, die genau neben ihm am Haken hing. Mit einem festen Griff langte Jensen hin und sicherte das Beweisstück. Im Innenfutter war der Name des Missetäters säuberlich eingenäht. Jensen kehrte die Inschrift nach außen, während er sich durch die angesammelte Menge zum Schiedsrichter vordrängte. Leise aber deutlich und mit einer gewissen Bestimmung las er vor: "Diese Jacke gehört..." Plötzlich zögerte er. Der Mann nebendran nahm ihm die Jacke aus der Hand und las weiter: "Diese Jacke gehört: Adam Jensen" Der Schiedsrichter fragte laut in die Halle: "Wer ist Adam Jensen?" Niemand meldete sich. Aber einer verdrückte sich klammheimlich aus dem Saal.